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Digital Detox: Ab ins Kino!

 

Amazon, Netflix und Watchever: Streamingdienste in Deutschland boomen, Kinos haben es schwer. Wer ist in diesen Zeiten noch so verrückt, ein Kino zu betreiben? Iris Praefke und Karin Zäh zum Beispiel. Die eine hat gerade ein neues Lichtspielhaus in Reutlingen eröffnet, die andere ein Traditionshaus in Berlin übernommen. Die 21 grad Redaktion hat sie zum Gespräch getroffen.

Frau Zäh, Frau Praefke, wie kamen Sie auf die Idee ein Kino neu zu gründen?

Karin Z+ñh_KaminoKarin Zäh: Schon als ich noch Kommunalpolitikerin war, wurde ich immer wieder darauf angesprochen, warum eine so große Stadt wie Reutlingen nur ein einziges Kino hat – und zwar ein Cineplex. Bei einer zufälligen Begegnung mit einem Kollegen haben wir uns dann im Laufe des Gespräches gefragt: Warum bauen wir nicht einfach unser eigenes Kino? Die Idee hat uns nicht mehr losgelassen. Das war im Herbst 2012. Drei Jahre später haben wir dann ein wunderbares kleines Kino eröffnet. Als Genossenschaft.


Iris Praefke_MoviementoIris Praefke: Ich hab schon zu Studienzeiten als Filmvorführerin gearbeitet und hatte Lust, tiefer einzusteigen. 2007 kam zufällig die ehemalige Besitzerin vom Moviemento auf uns zu. Sie wollte es gern abgeben. Wir haben kurz überlegt und eine Woche später schon das Programm aufgesetzt. Alles ging Hoppla hopp. Wir starteten direkt mit dem 100. Geburtstag des Kinos und haben Tag und Nacht durchgearbeitet. Aber es hat sich gelohnt: Von 16.000 Zuschauern ging es auf 90.000 pro Jahr hoch.


Was haben Sie anders gemacht?
Iris Praefke: Wir hatten das Glück, dass die Bezirke Kreuzberg und vor allem Neukölln gerade wieder zu Szenevierteln wurden und viel junges Publikum anlockten. Außerdem hatten wir neuen Schwung und keine Angst, zu investieren und auszuprobieren, was gut ankommt.

Macht sich der steigende Trend des Streamings bemerkbar?Karin Zäh: Wir sprechen, wie andere Programmkinos auch, eher die Generation Ü50 an, die weniger streamt.Iris Praefke: Meine Beobachtung ist, dass eher Mainstreamfilme gestreamt werden. Ich denke, das schädigt eher das DVD-Geschäft. Und vielleicht die Multiplex Kinos.

Das überrascht. Welche Herausforderungen sind es dann? Iris Praefke: Wir müssen angesichts der Kinokonkurrenz in Berlin recht fix sein, um unsere Lieblingsfilme zu spielen. Und insgesamt sehr flexibel. Früher haben wir das Programm für zwei Wochen gemacht, heute entscheiden wir jede Woche, welche Neuheiten wir zeigen wollen. Welcher Film muss ausgetauscht werden? Flops sind schnell wieder verschwunden. Hits können wir verlängern.

Woher nehmen Sie die Energie für Ihre Aufgabe?

Karin Zäh: Wir haben uns mit dem Kino einen Traum erfüllt. Die Leute merken, ob jemand hinter seinem Projekt steht oder nicht. Das macht uns erfolgreich. Ein solches Kino kann man nicht einfach verwalten.

Iris Praefke: Auch aus der Liebe zu diesem Beruf. Kino zu machen ist unglaublich vielfältig und ich kann selbstbestimmt arbeiten.

In den 1970ern wurde das Moviemento über die Grenzen Berlins hinaus bekannt durch die kultigen Vorführungen der Rocky Horror Picture Show. David Bowie war da, Nina Hagen, Rio Reiser…

Iris Praefke: Es ist schon toll, an diese Tradition anzuknüpfen. Unser Publikum ist bis heute sehr gemischt und offen für Neues und es wird viel diskutiert.

Lange Tradition: Seit 1907 werden im Eckhaus am Kottbusser Damm Kinofilme gezeigt, heute unter dem Namen Moviemento.

Lange Tradition: Seit 1907 werden im Eckhaus am Kottbusser Damm Kinofilme gezeigt, heute unter dem Namen Moviemento.

Ist es das, was die Menschen heute im Kino suchen? Den Austausch?

Iris Praefke: Definitiv, Kino ist ein sozialerer Ort geworden. Das Publikum liebt Sonderveranstaltungen, zum Beispiel in Anwesenheit des Regisseurs. Die Menschen kommen nicht nur wegen des Films, sondern auch wegen des Angebots davor und danach. Kino wird immer mehr zu einem Treffpunkt mit Freunden, wo man etwas trinkt, diskutiert und sich einfach gern aufhält.

Karin Zäh: Wir haben genau diesen Auftrag sogar in unseren Satzungszweck mit aufgenommen. Wir wollen die kulturelle Szene in der Stadt besser vernetzen und Menschen zusammenbringen. So zeigen wir in Zusammenarbeit mit dem deutsch-italienischen Kulturverein zum Beispiel jetzt einen ausgewählten italienischen Film.

Haben Sie einen bestimmten Moment aus der letzten Zeit, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Karin Zäh: Vor kurzem ist eine unserer treuen Gäste im Cineplex für „Star Wars“ fremdgegangen, weil sie ihn unbedingt sehen wollte. Als die Dame das nächste Mal bei uns war, sagte sie: Das ist wie nach Hause kommen. Das finde ich toll. Wir wollen eine kleine Heimat schaffen, ein zweites Wohnzimmer.

Iris Praefke: Also ich hab letztes mal ein Pärchen kennengelernt, die mich gefragt haben, was ich beruflich mache. Als ich dann erzählte, dass ich im Moviemento arbeite, meinten sie: Ach toll, da haben wir uns kennen gelernt!

Noch eine letzte Frage: Auf welche Filme freuen Sie sich 2016 besonders?

Iris Praefke: „Mustang“, ein Film über fünf Schwestern in einem türkischen Dorf, die von großem Freiheitswillen gepackt die patriarchalische Welt herausfordern.

Karin Zäh: Ich freu mich sehr auf die Biographie von Janis Joplin und auf die Peanuts. Beides meine Jugend.

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4 Kommentare

Frank

Toller Artikel

21 grad Redaktion

Hallo Frank,
schön, dass Dir unser Beitrag gefällt. 😉
Ein schönes Wochenende,
Das 21 grad Team

Hans Peter

Was hat das mit Vaillant zu tun?

21 grad Redaktion

Hallo Herr Peter,

sehr viel! Im Rahmen von 21 grad beschäftigen wir uns schon lange mit Themen, die nicht unbedingt immer direkt etwas mit Heiztechnik zu tun haben müssen. Damit folgt der 21 grad blog der Vaillant Nachhaltigkeitsstrategie S.E.E.D.S., die deutlich mehr als nur das Thema Heiztechnik beinhaltet. So umfasst sie zum Beispiel auch die Fokusfelder „Umwelt“ und „Gesellschaft“, für die sich Vaillant als Großunternehmen mitverantwortlich fühlt. Deshalb finden Sie in unserem 21 grad Blog neben Beiträgen zu Heiztechnik und Energie, auch Artikel, die zu allgemeinen Nachhaltigkeits- und Gesellschaftsthemen informieren und aufklären. Wenn Sie mehr über unsere Nachhaltigkeitsstrategie erfahren möchten, können Sie folgenden Link besuchen: https://www.vaillant-group.com/unsere-verantwortung/uberblick/index.de_de.html

Liebe Grüße
Das 21 grad Team

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